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Abschied der Theater- und Mediengesellschaft aus Stuttgart

Rafael Spregelburd

Mit der Premiere des Stücks "Ein argentinischer Augenblick" von Rafael Spregelburd am 8. Dezember 2002 im Theaterhaus Stuttgart verabschiedete sich die Theater- und Mediengesellschaft Lateinamerika e.V. aus Stuttgart. "Ein argentinischer Augenblick" ist eine Koproduktion der Theater- und Mediengesellschaft Lateinamerika e.V. mit Schauspiel Staatstheater Stuttgart und Theaterhaus Stuttgart.

Pressekritiken (Download hier) und Texte:

Bericht von Julieta Figueroa über die Produktion (auf Spanisch).

"Ein argentinischer Augenblick", nennt Rafael Spregelburd aus Buenos Aires seine politische Farce um Fiktion und Wirklichkeit seines Landes. Auf dem Höhepunkt der ökonomischen Krise in Argentinien bestellte das engagierte Royal Court Theatre, London, bei dem zum "argentinischen Theaterwunder" gehörigen Autor ein kurzes Stück zum Thema "Menschenrechte". Dort gelesen, dort uraufgeführt, inszenierte der argentinische Autor und Regisseur den von Almuth Fricke übersetzten Text innerhalb einer Woche mit dem internationalen Theaterhaus-Schauspielensemble nun auch in Deutschland.

Während die Verdrängungsstrategen der Offizierskaste (die beiden Ehepaare Angel und Mónica, resp. Guillermo und Cuca) via Diaprojektor in kubanischen Urlaubserinnerungen schwelgen, droht das zur militanten Terroristin mutierte brave Töchterchen Alicia damit, den Laden hochgehen zu lassen. Mit einer selbstgebastelten Bombe am Gürtel und der Zündschnur in der Hand, erpresst sie von dem weinerlichen Schlappschwanz von Offizier die Wahrheit über ihre Herkunft. Unter Urindruck gesteht der Ex-Folterer ihre Adoption und verpisst den letzten Augenblick von Würde in die Blumenvase.

Natürlich misstraue auch ich den Nachrichten im Ausland. Nur die Ruhe bewahren: Was Sie sehen werden, ist kein Bericht über "politischen Tourismus", sondern eher ein flexibler Stoff, der aus jenen Nachrichten gemacht wurde; Nachrichten aus einem Land, das nicht mehr existiert. Es ist schwer für die Deutschen - für die Europäer im Allgemeinen - sich vorzustellen, dass es eine Zeit gab, noch gar nicht allzu lange her, als Argentinien noch ein wichtiges Land war, das auf ein durch Kriege stinkendes und armes Europa herabblickte. Nun kommen die argentinischen Kinder ohne Ausnahme in die Vaterländer ihrer Eltern zurück, während der riesige und wunderschöne argentinische Traum sich als das offenbart, was er wirklich ist: ein Alptraum.

Zwischen 1976 und 1983 wurden wir von einer der grausamsten Militärdiktaturen regiert, die man sich vorstellen kann. Die unermessliche Gewalt dieser Diktatur war weder zufällig noch romantisch: man musste die Möglichkeit, dass sich Argentinien in eine Art Kuba verwandelte - in eine Art reiches Kuba und ein Modell für ganz Lateinamerika - für immer ausmerzen. Nach einem lächerlichen Krieg gegen Großbritannien fand die Diktatur ein Ende. Aber mit 30.000 Verschwundenen übernahm die neue Demokratie ein durch Blut geteiltes Land. Und seitdem konnte sie wenig verändern. Heutzutage ist die Krise genauso gravierend wie unwahrscheinlich. Argentinien, das modernste Laboratorium des Neoliberalismus in der Welt, schreit im Todeskampf seit dem vergangenen Dezember eine furchtbare Botschaft an alle Länder der Welt: Achtung, Argentinien ist Eure Zukunft.

Denn in Argentinien ist nicht nur ein neoliberales Modell gescheitert. Das, was gescheitert ist, ist das kapitalistische System, das in diesem Augenblick weder Kapital noch die fiktionale Darstellung der Macht des Kapitals erzeugt. Weit davon entfernt, die Gründe für diese Krise erklären zu wollen, bin ich als Theatermensch verpflichtet zu erklären, dass die argentinische Krise grundsätzlich eine Krise der Repräsentation ist, das Ergebnis des Scheiterns unserer unseriösen und korrupten Demokratien, gemäß der globalen Formel Demokratie + Markt, wie im Plan des Internationalen Währungsfonds vorgesehen. Demokratie setzt voraus, dass das Volk sich selbst regiert, mittels seiner Repräsentanten. Doch mittlerweile ist klar, dass der Pakt mit den Repräsentanten gebrochen wurde. Demokratie und Markt scheint unmöglich.

Buenos Aires liegt danieder in Armut und in Hoffnungslosigkeit und vefügt trotzdem über ein sehr reiches Theater, vielleicht sogar das eigenwilligste in spanischer Sprache. Es ist ein Mischlingskind, ein Bastard, geboren aus der europäischen Tradition und dem lateinamerikanischen Idealismus, bzw. aus der Armut an Mitteln und dem Bedürfnis nach Transzendenz. Dieses Theater ist ein Hybrid. Es ist ein paradoxes Theater, das nach meinem Verständnis auf der Krise der Repräsentation beruht.

Für uns Argentinier, die wir erlebt haben, wie sich die Demokratie nicht in den Dienst des Volkes, sondern in den des Marktes gestellt hat, beinhaltet jede Repräsentation eine stillschweigende Verbindung mit dem Bösen. Wir haben kein Vertrauen mehr in die Repräsentation und ihre Mechanismen, vor allem nicht mehr in ihre Vertreter: Seit der Krise im Dezember fürchten sich die Politiker auf die Straße zu gehen, weil schon viele von ihnen von wütenden Bürgern beschimpft und geschlagen wurden; in einer der dümmsten, hoffnungslosesten und unwahrscheinlichsten Revolutionen, die man sich vorstellen kann: im Aufstand der Mittelklasse.

Das Stück, das Sie sehen werden, ist für mich und für seine Darsteller ein Geheimnis. Ein makabres und komisches Spielzeug. Nachdem alle Klarheit beseitigt, kein Wille mehr repräsentierbar, und alle Unschuld verloren ist, bleibt uns nur das Unglück.

Dieser argentinische Augenblick, diese Art von erschütterndem Requiem, ist aus dem brennbaren Stoff jener Tage im vergangenen Dezember gemacht, als ein ganzes Volk die Hauptrolle in einem Moment der Größe hätte spielen können.

Aber alles blieb nur eine bittere Komödie.

Rafael Spregelburd, Stuttgart, den 6.12.2002

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